Einwort

Genaugenommen sind Auswechseljahre eine unscharfe Sache. Das Einwort haftet in der Zeit. Wenn es sich auswechselt, dann meist im Herbst und unverhofft. Nie jemals lässt sich ein Auswechseljahr erkennen, bevor nicht die Stürme am Einwort rupfen. Es zittert, bebt, beginnt sich zu lösen. Eine Böe reisst es hinweg,  der Regen peitscht es fort. Da fliegt es, rast gegen die Wand der Stille und birst. Ein leises Stöhnen, wenn die Laute sich zersetzen. Buchstaben rieseln nieder, werden in den Gulli gespült. Das war’s. Einwort ging dahin.

Danach dauert es Monate, bis wieder Einwort heranwächst, aus einem Seufzer keimt, Buchstaben sammelt, Lautung annimmt und sich anhaftet. Bis zum nächsten Auswechseljahr.

Susanne Thomann

genaugenommen & unscharf, licht & sicht

Das Fest und die beliebtesten Posen. Ich und die Gruppe. Steht ihr hier, stimmt ihr in Stoffen und Haaren einander zu. Farblich die Kirche, farblich die Grösse. Der Turm im Hartlicht, davor, weich, und körpervoll, wir. Man nimmt mich also nahe, gibt mir meine Ränder und ich komme durch die Farben, ich werde mit ihnen eingemittet, platziert. Jemand schiesst. Vom Weisslicht an der Linse zusammen gekrümmt, nährt sich jetzt das Bild an meinen Farben. Ihr seht mich unter euch. Wer darf so im Bild liegen? So wichtig. Du hast Linien. Und so siehst du aus. Fühlst dich. So und hier.

            Die anderen sitzen in kleinen Grüppchen zusammen, wen kümmert was. Ihr seid organisiert, einfach, ich im Wind draussen, schwierig. Trotzdem eingefangen. Der Garten und dünnstaubige Mondrisse mit mir hier. Ich blute in diesem Hirn, dort hinein und hinaus. Wie ihr noch. Mein Alter an diesem Rausch,  langsamer erzählt. Im Moment. Hier passiert sie, die undichte Stelle. Das dumpfes Wehren des Organs.  Noch, schon. Was ist da los?

–––––– Aufgelöst löst es aus. Mich. –––––– Von meiner Sicht, der Himmel, was ist daran so möglich? Keine Töne, ich aber schnaufe, keine Wolken, ich aber werde gezogen, wo ist die Akustik am besten, bahnt euch auseinander. Von in meinem Schädel und aus meinem Mund. Zwei sich ferne Geräuschquellen. Verbindet mich. Der Himmelsausschnitt wird ein anderer. Eine mir fremde Bewegung erlebt mein Gewicht, ich fühle mich. Genommen. Weg und ab.

            "Sieht sie dich?" "Hörst du uns?"

Vorgehaltene Finger, etwas so Dümmliches. Von welchen Sinnen kommen Fragen, von welchem Raum, mein Körper im Gras. Fingerfleischzart, eure Sorge im Laut, in den Gesichtslinien. Stirnen explodiert in ihre Falten. Wer trägt mein Objektiv so, rucklig, unschön eure Menschen, eure Kleider randlos zerlaufen, klaut ihr Konturen? "Zwei", sage ich. Zwei Finger, sehe ich. Ufer oder Urplatz eurer Leiber nur, Hände im Wirbel, im Fluss, ihr fleckt eine alte Frau in eurer Mitte, nur den Farben willig, ein Ort. Wer kommt da raus? Wissen Sie, wo Sie sind? Ich erinnere mich an die Aufnahme, mein Bild, meine Röte. Jemand hat abgedrückt. Darüber hinweg Blaulicht, Freijaulen und halsgebrütete Geräuschleben, erschrocken und zungenfeucht noch. Von euch. Daran erinnere ich mich. Also was genau?

Eva-Maria Dütsch

Das Einwort der Auswechseljahre war genaugenommen unscharf, hatte es doch so viele Silben mit und ohne Akzent, Dehnung, und was Frau sich sonst nicht unbedingt gewohnt ist, dass es im Grunde genommen sehr einsam war. Aus Verzweiflung über sein Ein, das sich nicht wirklich als Einwort geehrt fühlte, überliess es sich mit der Zeit dem grappschen nach einem Partner-Einwort, nach einem Zweiwort, einem Dreiwort; ohne Unterlass und ohne Resultat grappsch, grappsch Wortvier Wortdrei Wortzwei Wortnie.

Ruth E. Weibel

Einwort

Genaugenommen unscharf die Betonung.
Ich setze mich drauf auf das Einwort.
Es sinkt wie Beton.
Es ist kein Ehrenwort. Und Ruder gibt es auch keine.
Ich ziehe es an Land. Hänge es zum Trocknen. Jahre vergehen.
Das Einwort ist immer noch unscharf. Es flattert im Wind. Ich kann es nicht grappschen.
Ich lasse es fallen. Nehme versuchshalber ein anderes Einwort.
Sinkt auch.
Alle. Flattern später im Wind, werden nie trocken. Bleiben unscharf.
Genaugenommen habe ich nach dem 47. Einwort aufgehört. Ruder gab es nie.
Die Auswechseljahre flatterten mit. Unscharf in der Erinnerung. Nur Rüschen, gebauscht, rascheln im Rausch. Grappa brennt im Einwort, scharf.

Elisabeth Hostettler

234   genaugenommen 

Juhee!
genaugenommen nur Einwort
so wie Einhalt, Einfalt, Einbahn
und so wie Einhorn
und sonst?
Einschrei wenn Du mich unerwartet grappschst
und unsere S-klee-rose
unangefragt zerbricht und blitzschnell schmilzt
sich auswechselt wie nie dagewesene Jahre
in wogendes Haar und gekräuselte Haut
in schäumendes Meer und jugendliche Gischt

Susanne M. Neeracher-Frei

Auswechseljahr    

Genaugenommen fühlt sie sich unsicher, schwankt sogar ein wenig auf ihrem Barhocker. Vorhin hatte sie auch geschwankt zwischen dem Wort „Wechseljahr und dem Wort „Auswechseljahr“ – Einwort? Zwei Worte? Egal. Sie dreht sich um und schaut ihm in die Augen. Ach je, es wird nicht mehr lange dauern und er wird – was? Wohl erst mal grapschen? Und dann?

Vorsichtig klettert sie vom Barhocker.

Verena Külling